Grammatische Subjektivität

Wittgenstein und die moderne Kultur

Ludwig Wittgenstein hat in seinem späten Werk »Philosophische Untersuchungen« die grammatische Beschreibung unserer lebensweltlichen Handlungen ins Zentrum seiner Überlegungen gestellt. Diese Abkehr von essentialistisch-aristotelischen Wesensdefinitionen in der Philosophie hat bis heute nichts von ihrer Sprengkraft verloren. Mit Habermas sind die »weltkonstituierenden Leistungen« im 20. Jahrhundert auf »grammatische Strukturen« übergegangen. Die Rede des Subjekts von sich selbst erscheint dann in einem neuen Licht: Es ist in einer grammatischen Weise verfasst, im Wissen um die ständige Veränderbarkeit jener Regelsysteme, die durch die Orientierung an grammatischen Standards in die Praxis überführt und dort temporär stabilisiert werden.

Erstmals beschreibt der Band die Kategorie der Grammatischen Subjektivität als Erweiterung des Referenzrahmens, innerhalb dessen Menschen von sich sprechen: im Blick auf Themen wie Wissen, Ethik, Politik, die Umstände der Moderne oder den Begriff des Cogito.

34,99 € *

2019-06-04, 298 Seiten
ISBN: 978-3-8376-2991-0

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Sandra Markewitz

Sandra Markewitz, Universität Vechta, Deutschland

1. Warum ein Buch zu diesem Thema?

Grammatik ist eine Kategorie, die als Schlüssel zu den theoretischen Überlegungen des 20. und 21. Jahrhunderts gelesen werden kann und in ihren Wirkungen die Differenzierung wissenschaftlicher Handlungsfelder und deren Fragestellungen bis heute bestimmt. Wittgenstein sagt: ›Distrust of grammar is the first requisite for philosophizing‹ (Notes on Logic). Damit ist ein Horizont philosophischen Fragens eröffnet, in dem die Grammatikkategorie nicht mehr selbstverständlich und implizit ist. Mit Blumenberg können wir sagen, dass das, was dem Menschen selbstverständlich ist, nicht anzutasten sei. In Wittgensteins Werk hat das – anfängliche – Misstrauen der Grammatik gegenüber aber eine diskursöffnende Funktion, die das Augenmerk auf eine Beschaffenheit sprachlicher Sinnkonstitution lenkt, deren Reflexion bereits im 19. Jahrhundert in der heute fast vergessenen Sprachkritik der Zeit (Conrad Hermann, Otto Friedrich Gruppe u.a.) gegeben war. Wittgenstein gestaltet in den »Philosophischen Untersuchungen« diese Voraussetzungen zu einer Konstante philosophischer Erklärung. Diese legt ein Menschenbild (bei aller absehbaren Problematik des Begriffs) und ein Selbstbild des Subjekts nahe, die durch die Integration der Konstante in den wissenschaftlichen und lebensweltlichen Diskurs bestimmt werden.

2. Welche neuen Perspektiven eröffnet Ihr Buch?

Die neue Perspektive besteht in der Explizitmachung des Subjektbildes, das als ›Grammatische Subjektivität‹ in einem Begriff zugespitzt wird. Damit sind einzelne Momente der Auseinandersetzung mit Aspekten grammatischer Konstitution von Welterfahrung und Weltbezug theoretisch handhabbar, ohne den Begriff absolut zu setzen oder eine Irreversibilität zu behaupten. Es ist aber der Begriff, der die heterogenen Ausprägungen moderner Lebenswelt – vom Verständnis der Beschleunigung in der Metropole bis zur Frage, wie Gemeinschaft unter grammatischen Vorzeichen gedacht werden kann – bündelt und im Subjektbezug das Tätigsein der Menschen mitdenkt: Auch in diesem Sinne ist Philosophie mit dem späten Wittgenstein ein Tun, eine Tätigkeit.

3. Welche Bedeutung kommt dem Thema in den aktuellen Forschungsdebatten zu?

Der Gegensatz von essentialistischer und grammatischer Subjektdeutung ist nicht der letzte Punkt oder als Konfrontationsanordnung der notwendige Stand der Entwicklung. Subjektivität grammatisch zu denken, macht nicht aus der avancierten Seite der Frontstellung einen Trend. Vielmehr ist die Diagnose der grammatischen Verfasstheit des Subjekts ein Hinweis auf Freiheitsmöglichkeiten (Freiheitsgrade). Erst in der offenen Vollzugsform der Idee prägender grammatischer Bezogenheit des Subjekts ergibt sich jene im kulturellen Aspekt auffindbare Modernität, die letztlich in der Kulturbestimmung als verum quia factum bis zu Vico zurückreicht und alle auf die theoretische Initiation des Kulturgedankens folgenden Differenzierungen und Präzisierungen als Momente des Herstellens bestimmt.

4. Mit wem würden Sie Ihr Buch am liebsten diskutieren?

Agnes Heller, in deren Werk die Phänomene der Geschichte nach dem Zivilisationsbruch mit ungehinderter Güte betrachtet werden.

5. Ihr Buch in einem Satz:

Grammatik ist die Möglichkeit des Subjekts, nicht seine Vorbereitung.

Autor_in(nen)
Sandra Markewitz (Hg.)
Buchtitel
Grammatische Subjektivität Wittgenstein und die moderne Kultur
Verlag
transcript Verlag
Seitenanzahl
298
Ausstattung
kart., Dispersionsbindung, 6 SW-Abbildungen
ISBN
978-3-8376-2991-0
Warengruppe
1521
BIC-Code
JFC HP CFA HPC
BISAC-Code
PHI034000 PHI038000 PHI009000
THEMA-Code
JBCC QD CFA QDH
Erscheinungsdatum
2019-06-04
Auflage
1
Themen
Kultur, Sprache
Adressaten
Philosophie, Soziologie, Kulturwissenschaft
Schlagworte
Wittgenstein, Kultur, Sprache, Moderne, Grammatik, Subjektivität, Kulturphilosophie, Sprachphilosophie, Philosophiegeschichte, Philosophie

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